Fake News – Moderne Lügen entlarven und enspannt reagieren

Da verschlägt es einem die Sprache. Im Familienkreis, unter Nachbarn, Freunden oder Kollegen, im persönlichen Gespräch und in Sozialen Medien werden plötzlich „Wahrheiten“ verbreitet, die angeblich aus diesen oder jenen Gründen von irgendwelchen Gruppen unterdrückt würden.

Wie kann man in solchen Situationen reagieren?

Thorben Prenzel stellt in seinem neuen Buch die Triple-A-Methode vor, die eine einfache Handlungsanleitung für den Alltag bietet. Diese verständliche Schritt-für-Schritt Anleitung hilft Ihnen, gekonnt die richtigen Argumente zur richtigen Zeit anzubringen.

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Der Autor

Dr. Thorben Prenzel leitete die BUND-Akademie, das Fortund Weiterbildungsinstitut des größten deutschen Umweltverbandes. Er ist seit 20 Jahren in der Politik aktiv. Stationen waren u.a.: Europäisches Parlament, Bundesumweltministerium, Verkehrsministerium Saudi-Arabien. Er berät Vorstände von Verbänden, Vereinen und Stiftungen in den Bereichen Strategie und Öffentlichkeitsarbeit. Mehr Informationen unter www.prenzel-com.de.

Fragen an den Autor

Als langjähriger Vorsitzender eines Schulfördervereins erlebte Thorben Prenzel, wie Eltern über WhatsApp-Gruppen und Facebook verrückt gemacht werden. Da reiche ein Laster aus, der drei Tage vor der Schule steht, um eine mittlere Hysterie zu erzeugen, berichtet er. Beruflich geprägt verfolgt Prenzel seit Jahrzehnten die Diskussionen zum Klimawandel. In seinen Seminaren machte er die Erfahrung, dass selbst unter Studierenden fast ein Drittel Zweifel an den wissenschaftlichen Methoden und Ergebnissen der Klimaforschung haben. Begründet nicht auf Fakten, sondern aus einem Bauchgefühl heraus. Wir haben dem Autor Fragen zu seinem neuen Buch FAKE NEWS gestellt und wollten unter anderem von ihm wissen, was man dagegen tun kann.

Lieber Herr Prenzel, Fake News sind aktuell ein heißes Thema, was versteht man eigentlich unter diesem Begriff?
Der Begriff „Fake News“ ist ein relativ junger und nicht klar definierter Sammelbegriff für eine Vielzahl verschiedener Phänomene. Wörtlich übersetzt bezeichnet der Begriff gefälschte Nachrichten. Jedoch wird mit Fake News im derzeitigen Diskurs jede Form von problematischen (und medial verbreiteten) Inhalten bezeichnet. Kurz gesagt: Im Wesentlichen handelt es sich um ganz klassische Lügen im neuen Gewand.
Und was ist das Neue an Fake News?
Neu ist der Verbreitungsweg über die Sozialen Medien und damit die Geschwindigkeit, mit der eine Lüge um die Welt geht. Da hat es die Wahrheit schwer, hinterherzukommen. Und neu ist auch die Akzeptanz seitens der Empfänger. Trump, Orban, Teile der AfD etc., sie alle arbeiten mit offensichtlichen und nachgewiesenen Lügen. Trotzdem glauben viele Menschen diesen Quellen. Da zeigt sich ein ganz moderner Zynismus: „Alle anderen lügen ja auch“. Damit ist das gesellschaftliche Problem schon ganz gut beschrieben.
Wie gefährlich sind Fake News?
Derzeit erleben wir ja den Aufstieg der Populisten in ganz Europa. Fake News und verfälschte Wahrheiten sind ein wichtiges Mittel dieser Menschen. Sie wollen Emotionen schüren, die Wut der Menschen entfachen, denn dann denken die Massen nicht mehr nach. Es wird spannend sein zu beobachten, ob da ein Strohfeuer entzündet wird, oder ob wir in einen langfristigen Prozess eintreten, der vielleicht zu einem ganz anderen Politikverständnis führt.
Warum sind Fake News so verlockend?
Dazu gibt es eine Menge zu berichten. Kurz gesagt, einfach weil wir Menschen sind. Wir glauben gerne Dinge, die sich gut anhören. Eine gute Geschichte ist uns allemal lieber als eine trockene Erzählung. Und genau dieses Interesse bedienen die modernen Lügen. Es werden Geschichten erzählt, die reißerisch, sensationell oder skandalös sind. Das spricht uns an, das lenkt unsere Aufmerksamkeit.
Hinzu kommt: Unser Gehirn ist stinkfaul. Je weniger Energie wir einsetzen müssen, desto besser. Man hört eine Story und denkt sich, das kann doch nicht wahr sein. Aber wenn unser Bauch erzählt „Da muss schon was dran sein!“, dann versucht unser Hirn nicht mehr dagegen anzukämpfen. Unnötige Energieverschwendung. Da ist es einfacher, eine gute Geschichte einfach zu glauben, als mit viel Energie den Wahrheitsgehalt herauszufinden.
Aber es werden doch auch offensichtliche Lügen geglaubt.
Je öfter wir eine Geschichte hören, desto glaubwürdiger bewerten wir sie. Auch wenn er vom Internet keine Ahnung hatte, Martin Luther wusste es schon. „Eine Lüge ist wie ein Schneeball, je länger man ihn rollt, desto größer wird er“. Dies wurde auch 1994 in einem berühmten Experiment gezeigt, bei dem die Probanden einen Bericht über ein erfundenes Lagerhausfeuer erhielten. Zu Beginn der Geschichte war von Explosionen die Rede und es wurden Farb- und Gasbehälter erwähnt. Weiter unten im Text wurde allerdings klargestellt, dass es im Lagerhaus keine solchen Behälter gab. Später nach der Ursache der starken Rauchentwicklung gefragt, nannten viele Probanden trotzdem Farb- und Gasbehälter.
Man kann den Eindruck gewinnen, Fakten sind heutzutage nicht mehr „en vogue“.
Stimmt. Fakten allein haben kaum Überzeugungskraft, im Gegenteil: Meist überzeugen Fakten nur diejenigen, die ohnehin schon an sie glauben. Ein Denkprozess, der zu diesem Effekt beiträgt, ist unsere Tendenz, Informationen auszuwählen, die unsere bereits bestehenden Ansichten untermauern. Der wissenschaftliche Begriff dafür lautet Bestätigungstendenz. Der englische Philosoph Francis Bacon wies bereits im Jahre 1620 auf diese Problematik hin.
Es kommt auch vor, dass Menschen richtig wütend werden, wenn Sie korrigiert werden.
Richtig. Das erlebe auch ich immer wieder. Wenn man den offensichtlichen Blödsinn aufzeigt, glauben einem diese Personen noch weniger. Viele Konsumenten von Fake News wollen gar nicht auf ihre Fehlinformationen hingewiesen werden. Sie leben, wie der Digitalexperte Sascha Lobo in Bezug auf AfD-Anhänger diagnostizierte, vom „Windrad-Prinzip“. Dabei zieht man seine „Energie aus der Empörung der Gegenseite und verwandelt sie in eine Form sozial ansteckender Identifikation“. Es geht nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um die Suche nach Menschen, die genauso denken wie man selbst – man sucht eine Gemeinschaft.
Und was raten Sie, wie man diesen Menschen begegnet?
Diese Menschen ernst nehmen mit all ihren Emotionen. Meist geht es gar nicht um den Fake an sich, sondern um Ansichten und Weltvorstellungen, die ganz woanders liegen können. Aber diese herauszufinden kann ein schwieriger und langwieriger Prozess werden. Deshalb habe ich die Triple-A-Methode entwickelt. Grundlage ndieser Methode sind einfache Dreierregeln, die man sich nicht nur gut merken, sondern auch in der Praxis gut anwenden kann.
Wie funktioniert das genau?
Nehmen wir als Beispiel „Chemtrails“, diesen Fake verfolge ich schon seit über zehn Jahren. Die Verfechter behaupten: „Die Amerikaner wollen uns unfruchtbar machen. Die versprühen Chemikalien per Flugzeug. Diese Chemtrails sieht man als Kondensstreifen am Himmel.“ Im direkten Gespräch kann ich mit der Triple-A-Methode diese Menschen abholen: Zuerst muss ich meine eigene Aussage voranstellen: „Kondensstreifen am Himmel entstehen durch die Abgase von Flugzeugen. Über Flughäfen kann man das bei schönem Wetter sehr gut beobachten.“ Im zweiten Satz muss ich Verständnis oder Anerkennung vermitteln: „Dazu sind ja viele Artikel erschienen, ich selbst habe mich auch schon gefragt, warum das Thema immer wieder hochkocht“. Und erst danach kann ich dann ein Argument anbringen: „Bei diesem Thema frage ich mich immer wieder, warum die Amerikaner eigentlich wollen, dass wir alle unfruchtbar werden.
Wichtig ist auch: Die Kernaussage muss ich im Verlauf des Gesprächs immer wieder wiederholen, damit ich sie beim Gegenüber verankere. Erst dann habe ich eine Chance, etwas zu verändern.
Das klingt kompliziert.
Das hört sich komplizierter an, als es ist. Die meisten brauchen maximal 15 Minuten, bis das System sitzt. Wichtig ist tatsächlich, diesen Ablauf einzuhalten. Gleich dagegenzuhalten, bringt nur Ablehnung und Streit. Bei zu viel Verständnis verankere ich beim Gegenübern nur, dass er Recht hat. Erst mit diesem System behalte ich die Oberhand und schaffe es im Idealfall, mein Gegenüber, wenn schon nicht zu überzeugen, dann wenigstens zum Nachdenken anzuregen.
Was kann ich tun, wenn ich im Netz auf Fake News treffe?
Gehirn einschalten! Nicht sofort weiterleiten, sondern erst einmal fünf Minuten sacken lassen und dann darüber nachdenken. In meinem Buch beschreibe ich acht Schritte, um Fake News zu enttarnen. Viel ist aber auch schon gewonnen, wenn ich die Geschichte einfach einmal google. In vielen Fällen sind das Fakes, die schon lange im Internet verbreitet werden. Über unseren Klassenchat wurde letztens die Geschichte verbreitet, dass syrische Frauen Kinder aus unserem Schwimmbad in der Nähe entführen würden. Eine 5-Sekunden Suche ergab, dass die Geschichte schon seit drei Jahren in verschiedenen Städten verbreitet wird. Das war nicht schwer.
Gibt es eine Lösung?
So traurig es klingt, Lügen gehören zur Menschheit. Wir werden damit leben müssen. Aber das ist gleichzeitig auch die gute Nachricht. Bis jetzt haben wir es irgendwie geschafft, damit zu leben. Den Kampf gegen die Lügner müssen wir konsequent weiterführen.