1986: Panne oder Sabotage – Die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers

Neujahrsrede von 1987 (Screenshot)
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Am Silvesterabend 1986 schauten fast sieben Millionen Menschen die "Tagesschau", wie jedes Jahr mit der Neujahrsansprache des Bundeskanzlers. Nur in diesem Jahr ist etwas anders, denn am Ende seiner Neujahrsansprache wünscht Kanzler Helmut Kohl alles Gute für das Jahr 1986. Und nicht, wie es richtig wäre, für das Jahr 1987.

Ein Skandal, denn gesendet wurde nicht die aktuell vorbereitete Rede des Bundeskanzlers, sondern die vom letzten Jahr. Am Tage darauf überschlugen sich Politiker und Medien mit Verschwörungstheorien.

Regierungssprecher Friedhelm Ost (CDU) nennt den Vorgang empörend und eine "Beleidigung für alle Zuschauer". CSU-Generalsekretär Gerold Tandler vermutete, es habe sich um eine "bewusste Sabotage" gehandelt, "die ganz systematisch vorbereitet wurde". CDU-Generalsekretär Heiner Geißler konnte sich nicht vorstellen, dass daran ein "Redakteur namens Zufall oder ein Techniker namens Versehen" schuld seien. 

Dabei war es wirklich nur ein Versehen

Der damalige Programmdirektor Rolf Seelmann-Eggebert ließ den Vorgang untersuchen. Es zeigte sich, dass an jenem Abend sowohl die korrekte Ansprache in der Sendezentrale gelegen hat, als auch ein Archivband mit der Rede vom Vorjahr. "Es stellt sich heraus, dass der WDR diese alte Fassung vom NDR zur Überspielung angefordert hat, weil er möglicherweise ein Zitat daraus verwenden will", sagt Seelmann-Eggebert später, "diese Überspielung findet am 23. Dezember statt, das Videoband bleibt in der Sendezentrale der Tagesschau liegen".

Der diensthabende NDR-Mitarbeitergriff aus Versehen zur alten Rede. "Die Jahreszahl 1985 wird beim Auflegen des Bandes ganz übersehen, wobei die Lichtverhältnisse in der Sendezentrale eine Rolle gespielt haben mögen".

Der Faux Pas wurde damals schnell entdeckt 

Schon gegen 21.25 Uhr blendete die ARD in seine laufende Sendung "das ARD Wunschkonzert" Schautzer einen Text ein: "Durch ein Versehen ist die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers heute Abend verwechselt worden. Die ARD entschuldigt sich dafür! Die korrekte Fassung wird morgen, am Neujahrstag, um 20.05 Uhr, nach der Tagesschau ausgestrahlt!". Eine förmliche Entschuldigung folgte.

Entschuldigung angenommen 

Auf Empfehlung seiner engsten Mitarbeiter nahm Kohl die Entschuldigung der ARD für die Verwechslung an. Regierungssprecher Ost erklärt in der Bundespressekonferenz, Kohl habe es begrüßt, dass die Entschuldigung nicht nur ihm selbst, sondern auch den Millionen von Fernsehzuschauern gegenüber ausgesprochen worden sei.

Im ZDF wurde übrigens die korrekte Fassung gesendet. 

Quellen