1953: Das deutsche Wirtschaftswunder – nur eine Fake?

Der einmillionste VW-Käfer am 5. August 1955: ein Exportschlager der deutschen Nachkriegswirtschaft und ein Symbol des sogenannten Wirtschaftswunders.
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Deutschland lag nach dem Krieg in Trümmern, doch durch den Fleiß seiner Bewohner konnte die deutsche Wirtschaft rasant zulegen. Es gab wieder genug zu Essen und die Industrieproduktion erlebte einen beispiellosen Boom. Die Geschichte vom einmaligen deutschen Wirtschaftswunder war geboren. Doch bei genauer Betrachtung erweist sich auch diese Geschichte als Fake. 

Denn nicht der Fleiß der Deutschen war der Grund für das deutsche Wirtschaftswunder. Vielmehr eine günstige Kombination aus Aufbaujahren inklusive erfolgreicher Währungsreform, Marschall-Plan, günstiger Weltlage und einem Schuldenschnitt für Deutschland. 

Gab es ein speziell deutsches Wirtschaftswunder? 

In absoluten Zahlen ausgedrückt war das Wirtschaftswachstum tatsächlich beachtlich. Schaut man aber auf das BIP pro Kopf zeigt sich, dass es in Deutschland noch bis Ende der 1960er Jahre niedriger als beispielsweise in Großbritannien war.

Und auch in anderen Ländern gab es nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg ebenfalls eine außerordentliche Boom-Phase. In Italien spricht man von einem miracolo economico, viele Briten erinnern sich gern an ihre Sixties, bei den Franzosen heißt die Zeit Trente Glorieuses. 

Ursachen für Deutschlands Wirtschaftsaufschwung

Der Hintergrund des westdeutschen Aufschwungs lag im Wesentlichen im Kalten Krieg begründet. Die Amerikaner hatten sich schon 1947 entschlossen, Westeuropa mit Hilfe der deutschen Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen.

Die wichtigste war wahrscheinlich das Londoner Schuldenabkommen von 1953. Deutschland konnte erreichen, dass ihm die Hälfte aller Altschulden erlassen wurde. Man stelle sich dieses Szenario bei der Griechenlandkrise vor. Fast schon bezeichnend, dass dieser Schuldenschnitt in Deutschland nahezu in Vergessenheit geraten ist. 

Abstand und Verklärung

Das deutsche "Wirtschaftswunder" wurde als Begriff schon in den 1950er und 1960er Jahren oft benutzt. "Man war wieder wer" ist wahrscheinlich die einfachste Formel, warum die Menschen nur zu gerne an ihre eigene Leistung glauben wollten. So musste man sich auch nicht mit den Ursachen und der eigenen Schuld des Krieges auseinandersetzen. 

Über die Jahrzehnte hat sich der Begriff verselbstständigt. Er wird heute oft als allgemeine Referenz genutzt, um sich an Zeiten zu erinnern, in denen es Deutschland wirtschaftlich gut ging. Von einer gewissen Verklärung und Nostalgie darf man dabei ruhig ausgehen. Dass die Ursachen dafür aber vielfältig waren und die deutsche Wirtschaftsleistung in Europa durchaus nicht einzigartig, wird gerne vergessen.

Quellen