1986: Die Geburt der „Jahresendflügelfigur“?

Weihnachtsengel. Foto: Annette Meyer/ Pixabay
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Jedes Jahr ist Weihnachten. Und gerne wird jedes Jahr zu diesem Ereignis an (meist westdeutschen) Tische eine lustige Anekdote erzählt: In der DDR hießen die Engel gar nicht Engel, sondern Jahresendzeitfiguren. Nur, ein Beweis dafür lässt sich bis heute nicht finden. Ein Fake, der ungelöst ist. 

Die "Jahresendflügelfigur" (auch "Jahresendfigur mit Flügeln") ist ein Begriff aus der Nachwendezeit. Es sollte zeigen, zu welch abstrusen Vokabeln die sozialistische Bürokratie griff, um bloß keine christlich geprägten Wörter benutzen zu müssen. Der Begriff soll auf eine offizielle Sprachregelung der DDR zurückgehen, die damit den christlich besetzten Begriff Engel abschaffen wollte. Zusammen mit dem "Jahresendmann" soll die Figur auf den Weihnachtsmärkten verkauft worden sein.

Gab es den Begriff wirklich?

Ostdeutsche laufen Sturm gegen das Wort. Eine typische Erfindung von "Besserwessis" sei dies. Doch es gibt auch andere Ostdeutsche, die steif und fest behaupten, dass dies ein „geflügeltes“ Wort im Osten gewesen sei. So wie "VEB Erdmöbel" für eine Sargtischlerei, "Stadtbilderklärer" für Fremdenführer oder "Rauhfutter verzehrende Großvieheinheit" für Kuh. (Achtung Scherz, der letzte Begriff stammt aus dem Westen). 

Wer hat`s erfunden? 

Vielfach wurde behauptet, dass die satirische DDR-Zeitschrift "Eulenspiegels" den Begriff geprägt habe. Doch Jürgen Nowak, Chefredakteur des "Eulenspiegels", weist dies zurück: "Zuviel der Ehre." Andere halten das Wort für die Erfindung eines Kabaretts aus Karl-Marx-Stadt. Ein Beweis hierfür steht aber aus. Doch es gibt eine Spur.

Das Wort ist laut dem "Lexikon für bedrohte Wörter" von Bodo Mrozek im 1986 erschienenen Buch "Wörtliche Betäubung" des Eulenspiegel-Autors Ernst Röhl enthalten, in der bürokratische Auswüchse der DDR-Sprache satirisch aufs Korn genommen werden. Dem Historiker Bodo Mrozek zufolge geht Röhl davon aus, das Wort nicht erfunden, sondern tatsächlich an einem Verkaufsstand gesehen zu haben.

Beweise für die Existenz? 

Der Autor Bodo Mrozek ist der Legende nachgegangen. Er hat Zeugen getroffen, die beschwören, dass die Vokabel damals benutzt wurde. Auch „Spiegel Online“ fand Zeitzeugen aus der DDR, die die Existenz des Begriffes in der offiziellen DDR-Sprache bestätigten. Nur finden sich keine schriftlichen Dokumente, in dem das Wort auftaucht. Ob Röhl die Jahresendzeitfigur wirklich gesehen hat, ist nicht mehr belegbar. Ein Mysterium. 

Die wahrscheinlichste Geschichte

..ist eine schöne Geschichte. Der Begriff hat sich einfach so stark durch das wiederholte Erzählen im allgemeinen Gedächtnis eingeprägt, dass er als reale Erinnerung in den Köpfen einiger Menschen verankert ist. Aus der Psychologie wissen wir, wie leicht das Gedächtnis zu beeinflussen ist.

Vor allen historische Erinnerungen einzelner werden durch mächtige Deutungsmuster überlagert (Überlebende der Dresdner Bombennacht im zweiten Weltkrieg schwören, dass im Feuersturm Tiefflieger Jagd auf Menschen gemacht hätten. Technisch ist dies allerdings unmöglich). 

Belege fehlen

Bis heut ist ein endgültiger Beweis für die Existenz der Jahresendzeitfigur in offiziellen Dokumenten gefunden worden. Aber wer weiß, was nicht ist, kann ja noch werden...

Sachdienliche Hinweise, die zur Beweissicherung beitragen oder gar zur Ergreifung des flüchtigen Wortes "Jahresendflügelfigur" führen, nimmt der Historiker Bodo Mrozek unter folgender Mail-Adresse entgegen: rettet(ät)bedrohte-woerter.de.

Quellen