1963: Die Wahrheit über Hänsel und Gretel

Hänsel and Gretel. Darstellung von Alexander Zick
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In Deutschland grassierte, angestachelt von C.W. Cerams Klassiker "Götter, Gräber und Gelehrte", das Ausgrabungsfieber. Hans Traxler lieferte dazu die Sensation. Hänsel und Gretel war mehr war als nur ein Märchen. Das Hexenhaus wurde gefunden! 

Das Echo war ungeheuer. 1963 erschien das Buch "Die Wahrheit über Hänsel und Gretel". Georg Ossegg, angeblich Studienrat und Laienarchäologe, hätte im Spessart die Fundamente des Hexenhauses ausgegraben, fand dort auch Lebkuchenreste und den Ofen mit den Skelettresten der verbrannten Hexe. Nur war das Buch eine Parodie. Fake News.

Aber gut gemacht 

Der Autor des Buches war Hans Traxler. Er verfasste einen fiktiven Bericht über den Fund. Er imitierte Kupferstiche, zeichnete erfundene Lagepläne, ließ sich, mit Nickelbrille und Schnauzer maskiert, beim Ausheben von Gruben fotografieren und packte all das zusammen mit den Fotos echter Ausgrabungsfunde aus der Römerzeit in eine spannende Hintergrundgeschichte. 

Sogar sehr gut 

Die Geschichte: Ossegg wäre bei seiner Beschäftigung mit Grimms Märchen auf Unstimmigkeiten gestoßen. Im Märchen der Gebrüder Grimm soll der Vater der Kinder, von Beruf Holzhacker, Feuer im Wald gemacht haben. So etwas tun Holzhacker außerhalb Griechenlands nie. Oder: Die Hexe soll gerufen haben "Knusper, knuper kneischen", das aber ist thüringischer Dialekt, wie passt das zur angeblichen Herkunft des Märchens aus dem Spessart?

So suchte er auf dem Engelsberg bei Aschaffenburg und wurde angeblich fündig. Osseggs entwickelte im Buch sogar eine Theorie zur wahren Geschichte hinter dem Märchen: 

Die angebliche Hexe war Katharina Schrader, eine Bäckerin des 17. Jahrhunderts, die über eine besondere Rezeptur für Lebkuchen verfügte. Hänsel und Gretel waren ein konkurrierender Bäcker und seine Schwester, die sie gemeinsam umgebracht hätten. Die Gebrüder Grimm hätten das Märchen also frei aus eine wahren Geschichte erfunden. 

Das Echo: Groß

Hundert Rezensionen, von empört bis euphorisch, mehr als 2000 enttäuschte bis wütende Leserzuschriften. Touristen wollten weitergraben. In Ostberlin wurde der Mord an der Lebkuchenhaushexe als "Kriminalfall aus frühkapitalistischer Zeit" interpretiert, und angeblich soll Adorno das Buch in seinem Seminar vorgestellt haben. Gegen den Autor wurde sogar wegen Betrugs ermittelt. 

Parodien als Lebensunterhalt

Das Werk über Hänsel und Gretel war Hans Traxlers erste Buchveröffentlichung (auch wenn er vorher schon Artikel u.a. im "Pardon" veröffentlicht hat). Auf einem Schlag wurde er als Autor und Illustrator berühmt. Später wurde er Mitbegründer des Satiremagazins "Titanic" und schuf u.a. zusammen mit Peter Knorr die berühmte "Birne" als Karikatur von Helmut Kohl. 

Quellen