1908: Die Daily Telegraf Affaire

Flucht von Kaiser Wilhelm II. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R12318 / CC-BY-SA 3.0
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Kaiser Wilhelms II. war, um es mal taktvoll zu formulieren, kein Diplomat. Er wollte lieber auf die Pauke hauen und seine schwindende Macht mit markigen Reden kaschieren. Höhepunkt war sein Interview mit der englischen Zeitung Daily Telegraf. Doch ein richtiges Interview war es nie gewesen.

Die deutsche Öffentlichkeit war empört. Am 28. Oktober 1908 erschien im Daily Telegraph ein Interview mit dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Die Aussagen des Kaisers ließen ihn als Aufschneider und Kritiker der deutschen Politik erscheinen.

Er behauptete unter anderem zu einer englandfreundlichen Minderheit im Deutschen Reich zu gehören - was die englische Angst vor der deutschen Aufrüstung stärkte. Der deutsche Flottenbau richte sich nicht gegen England, sondern gegen die Fernost-Staaten – was wiederum die Japaner provozierte. Im Burenkrieg der Engländer habe er den entscheidenden Schlachtplan entworfen – als ob die Engländer Nachhilfe nötig gehabt hätten.

Das Interview hatte es in der Form aber nicht gegeben

Der britische Oberste Edward Montagu-Stuart-Wortley führte mit Wilhelm II. während eines Urlaubsaufenthaltes in Highcliffe Castle in Südengland mehrere private Gespräche. Er fasste diese in einem künstlichen Interview zusammen. Das wäre noch nicht mal ein Problem gewesen. Aber das künstliche Interview wurde nicht gegen gelesen und, wie sonst üblich, durch die deutsche Regierung autorisiert.

Alle waren im Urlaub

Reichskanzler Bernhard von Bülow war auf Urlaub auf Norderney. Sein Pressechef Otto Hammann war ebenfalls im Urlaub. So landete der Artikel auf dem Schreibtisch eines untergeordneten Beamten des Auswärtigen Amtes. Dieser traute sich wahrscheinlich nicht, die Worte des deutschen Kaisers zu korrigieren. Und so landeten die Aussagen Wilhelms II. ungefiltert in der Öffentlichkeit.

Eine innenpolitische Krise folgte

Reichskanzler von Bülow bot seinen Rücktritt an, alle politischen Parteien, inklusive der Konservativen, empörten sich über den Kaiser, Teile der Öffentlichkeit forderten die Abdankung Wilhelms II. Als Konsequenz hielt sich Wilhelm II. in seinen Reden zurück, von Bülow wurde am 14. Juni 1909 entlassen.

Selber Schuld

Kaiser Wilhelm II. war schon vorher nicht beliebt. Taktlosigkeit und mangelnde Fähigkeiten, aber auch die fehlende eindeutige Rolle des Kaisers, führten in Volk und Regierung zu Missbehagen (unvergessen seine "Hunnenrede" im Juli 1900). Dieses Interview bestätigte nur die Ansichten großer Teile der Bevölkerung. Zu einer echten demokratischen Reform, reichte es aber noch nicht.

Quellen