1983: Aids aus Amerika?

Mensch liegt im Krankenhausbett. Foto: Vittore Buzzi / Unsplash
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In den Achtzigerjahren breitete sich Aids rasant aus. Ursprung und Verlauf waren unbekannt. Verschwörungstheorien und Fake News entstanden. Eine davon: Das Aids-Virus sei kein natürlicher Virus, sondern von der US-Army zur Kriegsführung hergestellt.

Diese Behauptung wurde 1983 erstmals in der indischen Zeitung "Patriot" in einem Leserbrief veröffentlicht, bekanntermaßen wurde die Zeitung von dem KGB finanziert. Beweise? Nicht nötig, denn der KGB finanzierte Kampagnen gegen die USA und suchte dringend Themen. In der Denkfabrik des "Dienst A der Ersten Hauptverwaltung des russischen KGB" wurden ständig neue Ideen entwickelt. Die Aids-Epidemie war ein gelungenes Fressen.

Die Bombe zündete aber erst später

In Indien war Aids noch unbekannt. Zwei Jahre später erschien in russischen "Literaturnaya Gaseta" ein Artikel, der den Leserbrief als Aufhänger nahm. Die USA wurden hellhörig. Richtig in Fahrt kam die Geschichte aber erst durch den emeritierten Ost-Berliner Biologieprofessor Jakob Segal.

Dieser behauptete das HI-Virus stamme nicht, wie bisher angenommen, aus Afrika, sondern aus dem US-Militärlabor Fort Detrick in Maryland. Amerikanische Gen-Ingenieure hätten das Virus 1979 für die biologische Kriegsführung kreiert. An Häftlingen und Minderheiten wie Homosexuellen und Einwanderern sei es getestet worden. Durch reine Schlampigkeit sei der Erreger in Umlauf geraten. Ein Laborunfall US-amerikanischer Militärforscher.

Auch die TAZ fiel darauf rein

Am 18. Februar 1987 druckte die TAZ ein Interview von Stefan Heym mit Segal an. "Aids - man-made in USA". Vor allem die linke Szene der Bundesrepublik sog die wilde Aids-Theorie auf. Endlich war der Schuldige für die grauenhafte Seuche, die seit Anfang der Achtziger für Angst und Schrecken sorgte, ausgemacht. Heute weiß man, dass "Abteilung X" des DDR-Auslandsnachrichtendienstes dahinter steckte.

Die DDR hielt sich aber bedeckt

Die These durften jedoch in der DDR, wo sich Aids ebenfalls ab Mitte der Achtzigerjahre ausbreitete, nicht erscheinen. Zu dominant war der Staatsführung die wissenschaftliche Kritik an der Behauptung Segals. Hauptargument aller Kritiker war, dass das HI-Virus nachweislich lange vor 1979 zum ersten Mal in einer Blutprobe gefunden worden war.

Kurt Hager, damals für Wissenschaft und Medizin zuständiges Politbüro-Mitglied, schrieb im September 1986 an den Leiter der Abteilung Gesundheitspolitik im Zentralkomitee: "Da Genosse Segal selbst von einer Hypothese spricht, müssten eventuelle Veröffentlichungen in offiziellen Publikationen der DDR vermieden werden..."

Im nicht-sozialistischem Ausland aber kein Problem

Segal verbreitete seine These mit Hilfe des KGB und der DDR-Aufklärung HV A in der Bundesrepublik, Afrika und Asien. Sein größter Coup war eine Buchbesprechung im Rahmen des Gipfeltreffens der blockfreien Staaten Anfang September 1986 in Harare in Zimbabwe. Unter dem Titel "Aids: USA Home-Made Evil" wurde sie im Zimbabwer Magazin "Social Change and Development" veröffentlichten. Die Buchbesprechung wurde von vielen westlichen Zeitungen aufgegriffen.

Der Imageschaden für die USA war gewaltig. In über 80 Ländern, 25 Sprachen und 200 Zeitungen wurde über das HI-Virus aus dem Geheimlabor der USA berichtet.

Die Theorie existiert bis heute

Mit dem Kalten Krieg endete zwar die Kampagne, nicht aber der Aids-Mythos. Selbst die Enthüllungen hochrangiger KGB-Offiziere, Stasi Mitarbeiter und Regierungsvertreter schafften es nicht, den Mythos auszuräumen. Auch die TAZ entschuldigte sich - und wählte die Aids-Desinformation auf Platz 2 der größten Verschwörungstheorien.

Quellen