1964: Cruschtschow ist tot

Nikita Chruschtschow besucht Herøya, Norwegen im Jahr 1964
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Am 13. April 1964 um genau 21:53 Uhr veröffentlichte die dpa eine Eilmeldung: Der sowjetische Ministerpräsident Chruschtschow ist überraschend verstorben. Nur eine Viertelstunde später wurde die zweite Eilmeldung zu dem Thema veröffentlicht: "Das ist eine Ente". Diese Viertelstunde reichte aber aus, um den Fake um die Welt gehen zu lassen. 

Hephocapalytirosises 

Die Meldung der dpa (Deutsche-Presse-Agentur) war deutlich, "Chruschtschow tot". Vier Tage vor seinem 70. Geburtstag sei Chruschtschow an den Folgen einer akuten "Hephocapalytirosises" plötzlich verstorben. Was zuerst keinem auffiel: Die Krankheit gibt es gar nicht. Vielmehr ist das komplizierte, griechisch anmutende Wort nichts mehr als eine sinnlose Aneinanderreihung von Buchstaben. Trotzdem fand die Meldung ihren Weg in die internationale Presse.

15 Minuten reichten aus

Um 21.55 Uhr unterbracht der WDR seine Sendungen: "Nach bisher offiziell nicht bestätigten Meldungen der Deutschen Presse-Agentur und einer japanischen Quelle, die sich auf die sowjetische Tass-Agentur berufen, ist...Chruschtschow...überraschend gestorben." Fünfzehn Minuten später unterbracht der WDR erneut sein Programm, diesmal mit der Klarstellung. 

In den Vereinigten Staaten strahlten mehrere Radiostationen die Nachricht aus. Vor der sowjetischen Botschaft in Washington versammelte sich eine Menschenmenge. Tausende Amerikaner riefen bei Zeitungen, Presse -Agenturen, Radio- und TV-Stationen an. An der noch geöffneten Börse von San Francisco fielen die Kurse. 

In Frankreich brach der Staatsrundfunk nach der Todesmeldung eine Unterhaltungssendung ab. Hunderte von Zuschauern einer Boxveranstaltung verließen erregt den Pariser Sport-Palast, nachdem die Lautsprecher den Tod Chruschtschows verkündet hatten. 

In England herrschte hingegen Gelassenheit. Die BBC bemühte sich der Nachricht auf den Grund zu gehen. Vorgefertigte Nachrufe wurden aus den Archiven geholt. 

15 Minuten später war der Spuk schon vorbei. Zur kurz, um die Regierungen der westlichen Welt in Alarmbereitschaft zu versetzen. 

Moskau was not amused

Moskau ließ sich diese Steilvorlage nicht entgehen. Ein Angriff auf die angeblich freie Presse folgte. Der Generaldirektor der sowjetischen Nachrichten-Agentur Tass sprach von einem "närrischen Gerücht". Wegen der Verbreitung von provokatorischen Falschmeldungen über die Sowjetunion ließ Chruschtschows Außenministerium das Moskauer dpa-Büro schließen. 

Der Auslöser 

Auslöser der Nachricht war eine angebliche Meldung der der japanischen Tageszeitung "Asahi Shimbun". Diese wurde an das Telex-Gerät 1 im Fernschreibraum des Kölner Westdeutschen Rundfunks (WDR) gesendet. Eine ganze Kette von Missverständnissen innerhalb der Redaktion und missverständliche Antworten auf Rückfragen führte in die dpa-Katastrophe. Bis heute konnte man nicht herausfinden, wer der Urheber der ursprünglichen Falschmeldung war. Ob es eine bewusste Falschmeldung einer dritten Macht, oder ein aus Langeweile geborener schlechter Scherz war, ist immer noch unbekannt. 

Die ganze Geschichte ist ein schönes Beispiel, wie eine Kette menschlichen Versagens und kleiner Fehler eigentlich sichere Systeme aushebelt. Und wie Fehler sofort von der Gegenseite ausgeschlachtet werden. Auch heutzutage wird jeder journalistische Fehler von den Vertretern der „Lügenpresse“ sofort als Beispiel für die angeblich gekauften Medien verwendet.

Quellen