1905: Erste Marokkokrise – ausgelöst durch Fake News?

Tamnougalt, Marokko. Foto: Sergey Pesterev / Unsplash
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Ein unbedachter Satz des deutschen Kaisers, aufgebauscht von der Presse, löst eine internationale Krise aus. Doch war es wirklich nur ein falscher Satz? 

Der deutsche Kaiser in Tanger 

Am 31. März 1905 besuchte der deutsche Kaiser Tanger. Lange hatte er sich geweigert an Land zu gehen. Dem Abenteuer Marokko stand er skeptisch gegenüber. Auf seinem Landgang traf er mit dem Sultan von Marokko zusammen. In seiner Rede bezeichnete der deutsche Kaiser den marokkanischen Sultan als "unabhängigen Herrscher", betont die "Unabhängigkeit des Scherifenreichs" und bietet hierfür den "Schutz Deutschlands" an.

Eigentlich nicht ungewöhnlich in der internationalen Politik, wenn die anwesende Presse nicht die Hintergründe gekannt hätte: Den Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich. Durch Überspitzung der Aussagen wurden aus der Rede Artikel, in denen sich Kaiser Wilhelm II. zum Beschützer der Unabhängigkeit Marokkos erklärte. Ein Affront gegenüber Frankreich. 

Kaiser Wilhelm II von Deutschland in Tangeri (1905.03.31)
Kaiser Wilhelm II von Deutschland in Tangeri (1905.03.31)

Hintergrund

Marokko konnte sich lange der Kolonisation durch die Europäischen Großmächte entziehen. 1880 verständigten sich die europäischen Großmächte mit der Madrider Konvention zur vertraglichen Sicherung der "Politik der offenen Tür". Vertragshäfen oder Konsulargerichtsbarkeit zerstörten die Souveränität Marokkos, trotzdem konnte der Sultan die Eigenständigkeit in einem gewissen Rahmen erhalten. Mit der strategisch wichtigen Straße von Gibraltar wurde das Land aber in den Konflikt zwischen den Großmächten hineinbezogen. 

Frankreich versuchte sich als beherrschender Machtfaktor in Marokko zu etablieren, während das Deutsche Reich darauf bestand, allen interessierten Mächten den Zugang nach Marokko zu eröffnen (Politik der offenen Tür). Damit hoffte das Deutsche Reich, über Marokko einen Keil in die Entente Cordiale zwischen England und Frankreich zu treiben. Im Hintergrund ging es also um nichts weniger als die Machtbalance in Europa.

Konferenz von Argericas als diplomatische Lösung

Zwar gelang es der deutschen Politik, nach den internationalen Aufruhr die Konferenz von Algeciras durchzusetzen, Deutschland war im Kreis der Großmächte allerdings isoliert. Die Konferenzergebnisse wurden in der so genannten "Algeciras-Akte" zusammengefasst, die am 7. April 1906 unterschrieben wurde. Der Schlussvertrag der Konferenz konnte zwar die deutschen wirtschaftlichen Interessen sichern; faktisch hatte jedoch Frankreich den Vorteil aus der Krise gezogen, da es seine politische Macht in Nordafrika ausbauen konnte. 

Nach der Ersten Marokkokrise stand das Deutsche Reich international isoliert da. Das Ziel, die französisch-britische Annäherung zu beenden, wurde nicht erreicht und die Entente Cordiale zeigte sich gefestigt. Die Konflikte zwischen den Großmächten führten schließlich in den ersten Weltkrieg.

Quellen