Februar 1998: Impfen schadet – Die Lancet-Veröffentlichung

Mensch wird geimpft. Foto: Hyttalo Souza / Unsplash
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Im Februar 1998 veröffentlichte die medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" einen folgenschweren Artikel: Impfen verursacht Autismus. Ein Fake mit Folgen.

Impfgegner fühlten sich bestätigt: Eine Gruppe um Andrew Wakefield veröffentlichte im Februar 1998 im "The Lancet" einen Bericht mit dem Titel "Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children". Die Gruppe untersuchte zwölf autistische Kinder, welche zwischen 1996 und 1997 im Royal Free Hospital im Norden Londons behandelt wurden. In einer Pressekonferenz vor Veröffentlichung der Arbeit behauptete Wakefield, dass ein Zusammenhang zwischen Autismus und Impfen mit dem Mehrfachimpfstoff MMR nicht ausgeschlossen werden könnte. Obwohl die Studie den Zusammenhang nicht bewies.

Ein Urteil mit Folgen

Die daraufhin ausbrechende Kontroverse in der Öffentlichkeit ist ein Lehrbeispiel für die Wirkungen von Nachrichten, die auf ein hochsensibles Umfeld treffen.

  • Impfgegner waren gut organisiert und zahlreiche Klagen in Amerika, Großbritannien und anderen Ländern gegen die Pharmaindustrie liefen.
  • Wenige Jahre zuvor trat in Großbritannien die Rinderseuche BSE auf und wurde von Politik und dem nationalen Gesundheitsdienst verharmlost – bis die Folgen sichtbar wurden.
  • Der damalige Premierminister Tony Blair verteidigte zwar den MMR-Impfstoff, verweigerte aber auf Fragen einer Boulevardzeitung die Auskunft, welche Impfung sein Sohn Leo bekam.
  • Und nicht zuletzt war nur der Kombinationsimpfstoff über das NHS verfügbar – Impfungen mit anderen Präparaten mussten die Eltern privat bezahlen.
eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt die durch unabhängige Gutachter die Qualität sichern. Doch auch hier können Fehler passieren.
eine der ältesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt die durch unabhängige Gutachter die Qualität sichern. Doch auch hier können Fehler passieren.

Was darauf passierte

Die Impfrate mit MMR sank dramatisch - von 92 Prozent im Jahre 1996 auf 84 Prozent im Jahre 2002. Von Teilen Londons wurde vermutet, dass der Schwellenwert für die Herdenimmunität gegen Masern nicht erreicht wurde.

Kritiker zweifelten schon früh die Behauptungen von Wakefield an. Aber erst 2004 konnte der Jounalist Brain Deer schwerwiegende Interessenkonflikte Wakefields nachweisen: Wakefield hatte 55.000 Pfund von Anwälten erhalten, welche zwischen Autismus und dem MMR-Impfstoff Verbindungen suchten. Einige der in der Studie zitierten Eltern waren selber an Prozessen gegen Hersteller des MMR-Impfstoffes beteiligt. Diese Drittmittel waren weder dem Lancet noch den Co-Forschern bekannt. Auch wurde bekannt, dass Wakefield die Patente für ein Konkurrenzprodukt zu MMR besitzt.

Durch weitere Recherchen der Sunday Times wurde aufgedeckt, das Ärzte und Wissenschaftler, die sich Ende der neunziger Jahre gegen den Dreifachimpfstoff aussprachen, von einer Anwaltskanzlei insgesamt fast dreieinhalb Millionen britische Pfund für Beratertätigkeiten, Gutachten oder Forschungsaufträge erhielten.

Es ging nur ums Geld

Ziel war eine milliardenschwere Klage vorzubereiten. Wakefield erhielt davon rund eine halben Million Pfund. Auch einer der Gutachter, der seinerzeit die Veröffentlichung für "The Lancet" prüfte, stand mit 40.000 Pfund auf der Liste der Begünstigten.

Am 2. Februar 2010 wurde die Studie von der Fachzeitschrift "The Lancet" vollumfänglich zurückgezogen und aus der Liste der Veröffentlichungen entfernt. Viele Studien und klinische Untersuchungen wurden seitdem durchgeführt. Keine konnte einen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfungen herstellen.

Quellen