Stickstoffdioxid – No Problemo?

Foto: realworkhard / pixabay
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Zwei Seiten, kein Briefkopf, keine Quellenangaben, eine Liste mit 112 Namen. So schafften es vier Autoren um den Lungenfacharzt Dieter Köhler die Debatte um die NO2-Grenzwerte zu drehen. Verkehrsminister Scheuer nutzte das Schreiben um bei der europäischen Kommission die aktuellen Grenzwerte anzuzweifeln. Wahrheit oder Fake? 

Verkehrsminister Andreas Scheuer dringt bei der EU-Kommission auf eine Überprüfung der Stickoxidgrenzwerte. Laut Bild-Zeitung wolle er das Thema spätestens beim EU-Verkehrsministerrat am 6. Juni aufgreifen In einem Brief an EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc verweist Scheuer die Kritik einer Gruppe deutscher Lungenärzte an den Grenzwerten. Scheuer schreibt:

Es mehren sich Stimmen in der deutschen Ärzteschaft, die die wissenschaftliche Herleitung des Jahresmittelwerts von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter für Stickstoffdioxid in der EU-Luftqualitätsrichtlinie in Frage stellen, …. Der daraus resultierende Diskussionsprozess zieht in der Öffentlichkeit die Rechtfertigung der im Kontext des Programms zur Sauberen Luft ergriffenen Maßnahmen in Zweifel.

Dahinter steckt Taktik

Die Diskussion ist ein schönes Beispiel dafür, wie Debatten gedreht werden können und von politisch interessierter Seite dankbar angenommen werden. Die gleiche Taktik konnte man auch bei den Auseinandersetzungen zum Klimawandel beobachten, wo in Amerika ein Papier kursierte, in dem sich "Wissenschaftler" gegen die These des menschengemachten Klimawandels aussprachen (Die Oregon-Petition – diesen Fake werden wir am Freitag darstellen). Nur, dass jeder auf diesem Papier unterschreiben konnte, der einen wissenschaftlichen Abschluss hatte, und Klimaforscher musste er oder sie auch nicht sein. Trotzdem wurde das Papier von der Lobbyindustrie erfolgreich genutzt, um wissenschaftliche Zweifel darzustellen. 

Diese Taktik hat sich auch in der deutschen Debatte erfolgreiche erwiesen. Dass von über 4000 angeschriebenen Fachärzten "nur" 106 sich dem Papier angeschlossen haben – geschenkt. Inzwischen haben alle großen nationalen und internationalen Fachverbände dem Papier widersprochen - dies wird aber kaum noch thematisiert. Bei allen Zweiflern ist verankert: Die Grenzwerte sind willkürlich und nicht nutzbar. 

Was tun im direkten Gespräch? 

Zuerst gilt es herauszufinden, ob mein Gegenüber noch offen für eine andere Sichtweise ist, oder ob er oder sie nur Ärger, Wut und Frust loswerden will. 

In letzterem Fall kann man nur seine Kernbotschaft verankern. Zum Beispiel so (Triple-A Regel):

Die Grenzwerte wurden vor fast 20 Jahren verabschiedet. Ich verstehe den Ärger, denn der Verursacher ist ja nicht der einzelne Autofahrer, sondern die Industrie, die betrogen hat.

Mit einer solchen Aussage hat man die Möglichkeit, aus sinnlosen Gesprächen herauszukommen.  

Wenn man noch Chancen hat, dann kann man einsteigen mit: 

NOx ist ja nur ein Marker für viele andere Gifte, die der Verkehr verursacht. Ich habe Verständnis, wenn man inzwischen den Überblick verliert. Das sich lediglich 106 Personen von 4000 angeschriebenen gegen die geltenden Grenzwerte ausgesprochen haben, sagt eigentlich schon genug.

Das letzte Argument dann immer wieder verwenden. Das ist das Hauptargument, das transportiert werden muss: Zweifel an diesem Papier verankern. Die Kernbotschaft ist dagegen, NO2 als Beispiel für die Belastungen im Verkehr darzustellen. 

Generell gilt: Eine inhaltliche Diskussion um Grenzwerte und die Gefährlichkeit von NO2 können Nichtfachleute kaum führen. Dies sollte deshalb auch vermieden werden, wer nicht überzeugend die Hintergründe erläutern kann, säht im Endeffekt nur Zweifel beim Gegenüber. Wer sich dieser Herausforderung stellen möchte: In der Zeit vom 31. Januar ist in der Rubrik "Wissen" auf Seite 31 ein sehr ausführlicher Bericht dazu erschienen. Lesenswert! 

Quellen