Januar 1976: Einführung der Gurtpflicht in Deutschland

Foto: Deutscher Verkehrssicherheitsrat
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Anfang der 1970er-Jahre fühlten sich Autofahrer vom Sicherheitsgurt gefesselt, fürchteten Knitterfalten im Sakko und um ihre Freiheit im Allgemeinen. Die Debatte um eine Gurtpflicht erreichte teils hysterische Züge und spaltete die Republik. Fake News machten die Runde.

Es tobte in Glaubenskrieg in Deutschland. Gurtträger galten als ängstliche und kleinliche Spießbürger, die mit missionarischem Eifer nerven. Überzeugte Gurtträger bezichtigten ihre Gegner als verantwortungslos, arrogant und egoistisch – und forderten Fahrverbote für Gurtmuffel.

Es musste was getan werden

1970 erreichte die Zahl der Unfallopfer mit 21.300 einen Höchststand. Es musste etwas getan werden. Schon seit langem war bekannt, dass der Gurt Leben schützt. Nur, der Gurt wurde nicht angelegt. Nur etwa fünf bis 15 Prozent der Autofahrer nutzen in den 70er den Sicherheitsgurt - wenn er denn überhaupt im Auto verbaut war. Nur etwa jedes fünfte Auto war mit modernen Automatik-Dreipunktgurten ausgerüstet.

Foto: Pot, Harry / Anefo
Foto: Pot, Harry / Anefo

Das erste Auto mit serienmäßigem Dreipunktgurt auf den Vordersitzen war 1959 ein Volvo PV 544. Trotz der offensichtlichen Vorteile des Systems verpflichtete der Gesetzgeber die Autoindustrie erst 15 Jahre später, 1974, Sicherheitsgurte auf den Vordersitzen einzubauen. Eine bundesdeutsche Sonderlage. Selbst Trabis und Wartburgs liefen seit Anfang 1970 nicht mehr ohne Gurte vom Band.

Gurt als Feindbild

Die Gurt-"Allergie" hatte aus heutiger Sicht teils skurril anmutende Gründe. Horrorgeschichten machten die Runde. Ein großer Teil der Autofahrer hatte Angst, aufgrund des Sicherheitsgurtes das Auto bei einem Brand nicht verlassen zu können. Andere fürchteten, bei einem Unfall durch den Gurt selbst verletzt zu werden. Auch, dass bei Frauen der Busen plattgedrückt und die Frisur oder die Kleidung durch den "Leibriemen" zerknittert werde, wurde erzählt. Für rationale Argumente war in jenen Tagen kaum noch jemand empfänglich.

Vor allem aber wurde das Freiheitsgefühl der Autofahrer angesprochen. Viele verbanden mit dem Gurt die Vorstellung der Fesselung, doch das Auto galt als Inbegriffe der Moderne, als Symbol von Freiheit und Lust. Dass das Autofahren auch gefährlich ist, hatten viele verdrängt. Auch deshalb hatten viele Hersteller den Einbau vermieden.

Die Anschnallpflicht Kommt

Eine Anschnallpflicht per Gesetz war umstritten – auch juristisch: Darf der Staat den Einzelnen zwingen, etwas zu tun, das seinem eigenen Schutz dient? Schließlich darf jeder sich auch totsaufen oder- rauchen. Viele sahen die persönliche Freiheit in unzumutbarer Weise eingeschränkt. Gerichte beschäftigten sich mit dem Thema, Fernsehsendungen lieferten pro und contra.

Zum 1. Januar 1976 trat trotzdem die Anschnallpflicht auf den Vordersitzen in Kraft – allerdings nur äußerst halbherzig: Denn es gab zwar die Pflicht, aber keine Sanktion, wenn man sich nicht anschnallte. Lediglich ein Drittel der Autofahrer schnallte sich an. Erst ein Verwarngeld von 40 Mark, eingeführt 1984, führt zu Erfolgen: 92 Prozent schnallten sich an.

Heutzutage ist der Gurt nicht mehr wegzudenken. Auch wenn es immer noch Gurtmuffel gibt, häufig aus den gleichen Gründen wie damals. Die Fake News über die angeblichen Gefahren des Gurtes sind immer noch in den Köpfen verankert.

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