Mai 1950: Die Landwirtschaft der DDR leidet unter einer Kartoffelkäferplage

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Unser Auftakt: Im Mai des Jahres 1950 wurde das Land von einer geradezu biblischen Plage überzogen. Milliarden von Kartoffelkäfern fraßen sich durch die Kartoffelfelder und zerstörten große Teile der Ernte. Und Schuld daran waren die Amerikaner.

Der Weltkrieg war noch nicht lange zuende. Der Kampf der Systeme hat begonnen. Es galt, nicht im Kampf gegen den Klassenfeind im Westen zurückzufallen. Der Wiederaufbau hatte dabei oberste Priorität für das neue DDR Regime und die Kartoffelernte war wichtig für die Versorgung der Bevölkerung. Ein Einbruch der Ernte durfte nicht sein.

Unterricht über den Kartoffelkäfer

Von der Krise zum Erfolg

Wenn schon die Zahlen nicht stimmten, mussten diese halt neu interpretiert werden. Dafür hatte die Stasi schon wenige Monate nach ihrer Gründung im Jahr 1950 eine eigene Abteilung für Desinformation gegründet. Die Fälscher im Auftrag der SED-Oberen fanden einen Dreh, mit dem sie hofften, aus der Krise einen Propagandaerfolg machen zu können: Sie setzten die Behauptung in die Welt, die Amerikaner hätten von Flugzeugen aus die Käfer über der DDR abgeworfen. Zeitungen berichteten in großer Aufmachung von dem vermeintlichen Bio-Angriff aus den USA.

Zu Beginn durchaus mit Erfolg, denn die Luftbrücke der Amerikaner ist noch im Gedächtnis der Bevölkerung präsent. Wenn die USA die Bevölkerung in Westberlin aus der Luft mit Nahrungsmitteln versorgen konnten, warum sollten sie nicht aus der Luft auch für die Plage verantwortlich sein?

Ernst Goldenbaum, Minister für Land- und Forstwirtschaft der DDR brachte es auf den Punkt: "Es widerspricht allen Erfahrungen der Wissenschaft und auch der Praxis, dass Kartoffelkäfer in den Gebietskreisen in Sachsen in so starkem Maße auftreten. Dazu kommt, dass die Käfer auch in so großen Massen auch auf den Marktplätzen der Städte zu finden waren. Die gefundenen Käfer sind außerdem voll ausgewachsen. Es ist vollkommen unnormal, dass die gefundenen Kartoffelkäfer bei dem herrschenden Unwetter mit lang anhaltendem Regen überhaupt fliegen konnten. Die Feststellung über das Auftauchen amerikanischer Flugzeuge lässt nur den Schluss zu, dass Kartoffelkäfer abgeworfen worden sind."

Die Lüge hielt nicht lange

Die Tatsachen sahen allerdings anders aus. Auf internationaler Ebene war bereits im Winter vor einer Käferplage gewarnt worden. DDR-Experten warnten intern vor der Bedrohung. Doch die DDR-Behörden handelten nicht, aus Unfähigkeit und aus Mangel an Pflanzenschutzmitteln. Der außergewöhnlich warme Frühling 1950 verschlimmerte die Plage schließlich noch. Als das ganze Ausmaß sichtbar war, war es zu spät um noch zu handeln. Deshalb die Fake News.

Doch die Bauern auf dem Land wussten bereits lange von der Bedrohung. Und sie erkannten die fehlenden Maßnahmen seitens der Behörden. Die Lüge ließ sich nicht lange aufrechterhalten. So verstummte im Laufe des Sommers die Propaganda. Nur bei überzeugten SED-Anhängern hielt sich die These vom biologischen Überfall der USA noch lange. Ein schönes Beispiel, wie Geschichten in einem gewissen Publikum erhalten bleiben.

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